Abitur 2.0

Wieder in der Schule. Ein Kellerraum ohne Fenster. Nur ein Polylux beleuchtet die Szenerie. Alle sitzen schon da. Es sind ältere Schüler von damals. Die uns ignorierten oder mit Verachtung straften, weil wir es wagten, ein Jahr jünger zu sein. Ich bin nervös und suche mir einen Platz in der hintersten Reihe. Neben einem Mädchen, das ich immerhin vage kenne und das mir tatsächlich ein kleines Lächeln schenkt, als ich mich setze. Ich blicke nach vorne. Und dort sitzt der beliebteste Lehrer der Schule in einem schwarzweiß gemusterten Hemd. Er sieht gut aus, wie eh und je und alle hängen in respektvoller Stille an seinen Lippen. Ich beginne mich zu fragen, ob das überhaupt geht: Zweimal Abitur machen – und warum ich das eigentlich muss. Sollte ich mich nicht lieber um meinen Master kümmern?
In der linken, oberen Ecke des Raumes bewegt sich etwas. Etwas Großes. Ein kreisrundes Wesen schwebt langsam an der Decke entlang, näher zum Licht hin. Viele Beine, ein kleinerer Körper in der Mitte, flammfarben, wie eine Pusteblume: Eine überdimensionale Spinne bahnt sich ihren Weg durch den Raum. Alle springen schreiend auf und verlassen das Klassenzimmer. Der beliebteste Lehrer der Schule sagt nur: „Davon lasst ihr euch aus der Ruhe bringen?“ und will mit seinem Unterricht weiter machen. Doch wir versammeln uns im Flur und ich flüstere aufgeregt zu meiner neuen Sitznachbarin: „Die hat eine Flügelspanne von mindestens 50 Zentimeter, wenn nicht noch mehr!“ Und sie sagt nur abfällig: „Komm, wir müssen wieder rein. Sonst bezieht er das alles noch auf sich und nimmt es persönlich.“ a) Ich bin belustigt, da die wenigsten den beliebtesten Lehrer der Schule in seiner vollkommenen Unsicherheit durchschauen können. b) Ich bin dankbar, das sie mit mir von Gleich zu Gleich redet und mir eine Tür in die Gruppe öffnet. c) Ich gehe auf keinen Fall wieder in diesen Raum und liefere mich diesem Alien freiwillig aus. Soll doch der beliebteste Lehrer der Schule den heroischen Kampf aufnehmen, wenn das Tier sein in Flammen stehendes Netz aufspannt, um sich hungrig auf die Lauer zu legen…

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Delikatesse

In den 70ern. Im erstem französischen Schnellrestaurant der Welt wird eine neue Zubereitungsart für ein noch neueres, geniales Gericht vorgestellt: Halbe Brötchenhälften bestrichen mit den verschiedensten Belägen, genannt „Macrons“. Ein Bäcker mit weißer Mütze legt ein braunes Brötchen auf ein kleines Laufband, dass durch einen Ofen führt. Am anderen Ende nimmt er es heraus und übergibt es nach einigem Gewusele hinter der Theke an seine Kunden. Eine Frau nimmt ihren Pappteller entgegen und ich recke neugierig den Kopf, um herauszufinden, was drauf ist: Ein geschmolzenes Stück Butter. Oder ähnliches. Ich gehe ein Stück um den Tresen herum und sehe ein großes Glas, in dem ein Schmiermesser in einer breiigen, rosa-orangen Masse steckt. In leuchtenden Lettern verrät das Etikett: „Placebo-Schleim“. Ich bin schwer beeindruckt, unterschwellig angeekelt und schaue weiter dem Treiben der Neueröffnung zu…

Vorstellungsgespräch

Bequeme Kleidung, noch nicht geduscht: Ich im Wochenendzustand. Meine Agentin schneit ins Zimmer und teilt mir mit, dass DER VERLEGER auf mich warte. Ein Mann mit Pfeife und weißem Haar. So kann ich mich doch nicht zeigen! Doch. Du musst. Er ist nur heute hier. Ich gehe in ein kleines Zimmer. Da sitzt er wichtig am Ofen und will Texte hören. Ich habe keinen zur Hand, es kommt ja alles so überraschend. Also lege ich mich mit Kleidung in die Badewanne und denke mir irgendetwas aus. Ich öffne den Gedankenstrom und lasse DEN VERLEGER daran teilhaben. Es geht in meiner Geschichte um einen Menschen, der in Transferleistungen gefangen ist und sich damit arrangiert, weil er sich arrangieren muss. Es geht weder vor noch zurück, also übernimmt dieser Mensch die ihm zugeordnete Rolle der ewigen Hilfsbedürftigkeit – einfach um psychisch und physisch zu überleben.
Ich habe das Gefühl, dass der Verleger recht angetan ist, da diese Geschichten viel zu selten in der ihnen zustehenden Komplexität erzählt werden – vielleicht auch weil die wirklich betroffenen Menschen in ihrer andauernden Schockstarre nicht mehr komplex wahrnehmen wollen oder können – geschweige denn, es für ein sabberndes Lesepublikum künstlerisch aufbereiten, so dass es auch die Reichen oder Schönen oder gar die Guten interessiert. Also rede ich immer weiter und steigere mich in die Geschichte hinein, bis ich in einer Art Trance bin. Mittlerweile liege ich tropfnass neben der Badewanne auf dem Fußboden und rede und rede. Ich blicke nach oben und nehme direkt über mir einen seidenen Faden wahr, an dessen Ende sich eine große Spinne abseilt. Ich schreie, springe auf und die Geschichte ist gezwungenermaßen zu Ende. DER VERLEGER scheint dies als Teil des Programmes zu verstehen, er ist ganz zufrieden, will aber mehr hören. Meine Agentin schlägt eine bereits veröffentlichte Geschichte vor und ich versuche mich zu erinnern, wo ich diese olle Literaturzeitschrift abgelegt habe. Ich bin erleichtert, dass der Typ noch Interesse zeigt. Ich hatte ja nur improvisiert. Er verlässt das Zimmer mit meiner Agentin, ins Verhandlungsgespräch vertieft.

Die Szene friert ein und verschwindet im Grau.

 

Scheidungskind

Ich lege mich hin. Ein Bett in einem kleinen, gelb gestrichenen Raum. Kurz vorm Einschlafen merke ich, dass ich einen Fuß umarme. Offenbar müssen wir ein Bett teilen. Es ist sauber und mit weißer Bettwäsche frisch bezogen, doch es herrscht Platzmangel im Lager. Als ich zum Fußende blicke, um herauszufinden, wen ich da im Arm halte, sehe ich Brad. Ich freue mich, bin etwas überrascht und sage: „Immerhin kann ich jetzt behaupten, mit Brad in einem Bett gelegen zu haben!“. Es ist ein schlechter Witz, aber er lächelt trotzdem freundlich. Ich will ja nicht aufdringlich sein, aber ich drehe mich trotzdem um, mit dem Kopf zum Fußende des Bettes und dort liegt Angelina. Sie stillt ganz lieb und ruhig ein Neugeborenes. Ein kleines Gesichtchen an einer kleinen Brust. Das geheime siebte Kind, denke ich und sage: „Ich verrate nichts!“ Die Liebe und Ruhe der Eltern umgibt das Kind. Schutz vor bösen Geistern. Keine Spur von Drama. Ich denke „Wenn sogar die fliehen müssen, ist der Planet wohl doch am Ende…“

Reduktion

Sie erwacht im Haus ihrer Eltern. Geschüttelt von einem schweren Alptraum. Als sie an sich  herabblickt, gerät sie einmal mehr in grenzenlose Panik. Sie steht auf und stürzt zur Mutter ins nächste Zimmer.

„Ich kann mich nicht sehen!“, schreit sie ihre Mutter an, die hilflos nur daneben steht. Die Tochter hebt die Hände vor ihre Augen. Sie fühlt die Wärme des Fleisches, das Pochen des Blutes, die Schwere der Knochen. Doch sieht sie nur die Wände, die Bücher um sich herum. Wie durch einen gefühlten Filter, der nicht einmal Konturen hinterlässt.

Kreißsaal

Wir schwimmen in einem quadratischen, sieben Meter tiefen Pool und warten auf den Kaiserschnitt. Keine Fenster an den Wänden. Wir tragen Krankenhaushemdchen. Ich habe eine deutliche Wehe. Aber ich bin nicht mal sicher, ob ich schwanger bin. Mein Bauch ist so klein. Ich blicke hinab und sehe einen großen Embryo durch meine Bauchdecke schimmern, der eine Art weißen Hahnenkamm trägt. Das ist kein richtiges Baby. Der Arzt kommt und redet sehr abgeklärt mit mir. Ich sei die Nächste. Ich will fliehen. Aber keine Fenster, keine Türen.

Waldwasser

Ein weiß gefliestes Bad. Ich schicke alle raus, damit ich baden kann. Blick aus der Vogelperspektive: Das Oval der Badewanne, grün von Latschenkieferbadezusatz. Mein erstes Bein steigt hinein, dann das zweite.

Ich lasse mich in das Wasser sinken. In Panik suche ich nach dem Kind im Wasser, doch es ist verschwunden. Da fällt mir ein, dass ich ja alle weggeschickt habe. Ich bin allein.

Das Wasser wird heißer. Ich tauche noch einmal unter, um den Schweiß abzuwaschen. Das grüne Wasser umschließt mich. Zäh. Ich stehe auf, über Gesicht und Körper spannt sich eine grüne Haut und ich falle wieder zurück in die Wanne. Panik.

Ein weiterer Versuch aufzustehen und hindurchzudringen, mit noch mehr Kraft: Die grüne Haut platzt, zuerst am Kopf, dann an den Schultern und Armen. Das Wasser ist wieder Wasser und ich bin befreit.

Fakir

Ich sitze des Abends vor einem Kiosk oder einer kleinen Bar an der Ostsee. Barfuß im Schneidersitz. Auf einem Alustuhl. Als ich nach Hause gehen will, stelle ich die Füße auf den Boden. Kleinste Spiegelfliesen kleben auf dem Beton. Ich finde, es ist ein ganz hübsches Design, frage mich aber, ob das bei all den Barfußgehern in Strandnähe eine so gute Idee ist.

Mit einem großen Zeh berühre ich die Spiegel, sie bewegen sich. Ich stelle fest, dass es sich doch um Scherben handelt, die plötzlich rot und grün leuchten. Ich sage laut: „Das sind Scherben!“ und der Barbesitzer sagt stolz: „Ja, gestern war eine große Party!“ und mir fallen die zerstoßenen, leeren Buntglasfenster auf, die in den Mauern klaffen.

Ich weiß nicht, wie ich nach Hause gehen soll. (Und wie bin ich überhaupt hergekommen?)

gute Tat

Auf einem Sofa. Neben mir sitzt eine Mutter, angespannt, ein etwa eineinhalbjähriges Mädchen auf dem Schoß. Das Mädchen liest laut aus einer Zeitschrift vor. Ich sage zu den anderen leise: „Das Kind LIEST!“

Die Mutter wirkt sehr verzweifelt. Ängste scheinen sie zu verfolgen. Dass sie ihrem Kind nicht gerecht werden kann, ihm nicht die Zukunft bieten kann, die es verdient, dass es als „unnormal“ stigmatisiert sein wird und deshalb ist sie so traurig und hilflos.

Ich zeige ihr meine Hand, meine fünf Finger, um so etwas wie eine Normalverteilung zu illustrieren: “ Wenn das hier 100 Menschen sind, jeder Finger 20, dann ist ihre Tochter“ – ich zeichne eine ganz feine Linie am äußeren Rand meines kleinen Fingers – „dann ist ihre Tochter hier. Sie ist etwas ganz besonderes!“ Ich will noch hinzufügen: „She needs special education…“ Aber ich sage es nicht.

Ich nehme das kleine Mädchen auf den Schoß und sie wird sehr müde und schmiegt sich an mich. Auch die Mutter lehnt sich an meine Schulter und wird ganz ruhig. Ich sage: „Alles wird gut. Alles ist gut.“ Ich war noch nie so überzeugt davon. Ich habe noch nie soviel Ruhe, Liebe und Geborgenheit ausgestrahlt, wie in diesem Moment – und einfach nur gegeben. Wie der Mensch, der ich gern wäre…

Partnersuche

Eine Pressekonferenz. Ein behäbiger Mann mittleren Alters sitzt an einem langen Tisch. Kameras fangen sein Gesicht ein und ein Beamer projiziert es auf eine große Leinwand. Hunderte Frauen sitzen im Publikum und erwarten die Ankündigung, wer die neue, glückliche Partnerin in seinem Leben sein soll. Aber er lässt sich Zeit, verkündet nichts, genießt lediglich die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit. Ich habe eine korpulente, sehr schöne, kurzhaarig-blonde Freundin, die vor dem Gebäude mit anderen Frauen raucht. Sie hat sich große Hoffnungen auf den Sieg gemacht. Mir ist allerdings ziemlich bewusst, dass der Typ ein Schwein ist. Und so gehe ich an den Sicherheitskräften vorbei zu ihr, und sage: „Wenn er dich lieben würde, dann würde dich das hier nicht durchmachen lassen.“ Daraufhin nickt sie nur, ist aber ziemlich beleidigt. Schnappt sich eine andere Freundin und verschwindet zum schneebedeckten Strand, in den lauter Falltüren eingebaut sind. Ich folge ihnen stolpernd und springend, damit ich nicht in die Löcher falle…