Streit

Ich streite mit meiner Mutter. „Du verachtest mich, weil ich nicht kann, was du kannst!“ Ich argumentiere unfair. Sie zeigt mir den Vogel. Ich schaue aus den Panoramafenstern. „Schön ist es hier aber, der Blick über die Favela und das Wasser…“ Hütten mit Wellblechdächern erscheinen. Durch das blaugrüne Meer schwimmen schnell verschiedene Menschen auf uns zu. Vor dem Fenster sind Stufen. Sie setzen sich darauf. Ich drehe mich herum, um weiter mit meiner Mutter zu streiten. Plötzlich sind rote Vorhänge vor allen Fenstern. Ich frage meine Mutter, ob sie das war. Sie verneint und setzt sich aufs Fahrrad, um die Übeltäter zu stellen. Ich renne ihr hinterher und rufe: „Komm zurück, die haben Waffen!“ Ich laufe durchs Gebüsch, erreiche die Wiese vorm Gebäude, aber bin offenbar in einem Liebesnest gelandet. Alle küssen sich, Planen sind gespannt, so dass die Leute intim sein können, ohne gesehen zu werden. Ich renne zurück zum Haus. Über Lautsprecher ruft meine Mutter: „Wo bist du?“ Ich antworte: „Ich bin hier. Wo bist du?“ Sie ist wieder beim Haus, aber ich finde den Weg nicht und falle ins Gebüsch…

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Begegnung

Ein kürzlich verstorbener Freund auf dem überfüllten Schulflur.

Er trägt ein weißes Hemd und eine goldene Kordel vor der Brust.

Ich bin überrascht, „Solltest du nicht tot sein?“, frage ich.

Er ignoriert mich und läuft an mir vorbei.

Ein Lehrer hält mich zurück und sagt: „Lass ihn. Dort wo er ist, ist es großartig. Sehr beeindruckend. Du solltest auch mal hingehen. Aber nicht jetzt.“

Ich lasse ihn ziehen. Ich lasse los.

 

Ausflug

Ein kleiner See umgeben von einer mediterranen, mittelalterlichen Stadt. Ich stehe am Ufer, es ist eine befestigte Böschung. Im Wasser erkenne ich auf dem Grund die Gesichter eines Zwillingspärchens.  Kinder aller Hautfarben springen sofort ins Wasser und suchen den Grund ab, aber es war nur eine Spiegelung. Niemand findet etwas. Der See ist sehr klar und türkis.  Ein giftgrünes Graffiti erscheint auf der Wasseroberfläche. „D. hat A. getötet.“ Ich stehe in einem Metallkorb, der über den See schwebt. Ich navigiere ihn mit meinem Willen. Weitere Buchstaben erscheinen und schwimmen auf der Wasseroberfläche, diesmal in schwarz, aber ich kann sie nicht lesen. Ich schwebe zurück zum Ufer und verstecke mich mit meinem Korb im Kreuzgang der Kirche, die direkt am Wasser liegt. Alle Kinder tragen rote Tücher und beginnen zu singen. Erwachsene, in weiße Tücher gehüllt, kommen hinzu. Es ist friedlich. Ich habe keine Angst mehr.

Ferien

In einem Ferienlager. Ich gehe unters Dach, um meinen Schlafplatz zu suchen. Ich gehöre offenbar zu den Betreuern, da ich erwachsen bin. Im Raum hängen jede Menge kleiner Hängematten aus Bast und Holz. Aber es gibt auch eine gepolsterte Liege, die ich mir aussuche. Sie sieht lang genug aus, so dass ich auf ihr schlafen kann.
Ich gehe in den Nebenraum, wo die Abbruchkante des Hauses ist. Dort im Staub liegen ein Mann und eine Frau nahe am Abgrund, als wäre es ganz selbstverständlich. Ich rede mit der Frau und realisiere, dass ihr Mann gelähmt ist und sich von dort nicht wegbegeben kann. Ich rutsche immer näher an den Abgrund, ohne dass ich es will und schätze die Höhe ab: Etwa zwölf Meter, der Boden besteht aus Rasen. Ich falle oder lasse mich fallen und lande dumpf auf dem Boden. Mir wird bewusst, dass die Frau sich mich zum Vorbild nehmen könnte, was sie auch tatsächlich tut: Sie springt. Ich rufe: „Nein, man muss doch richtig fallen können!“. Ich weiß, dass sie es nicht kann. Und so landet sie auch tatsächlich auf dem Hintern und schielt danach etwas. Aber sie hat es genauso überlebt wie ich, denn der Boden federt nach.
Ich gehe zu den Tischen. Schüsseln mit panierten, fettigen Schweineschnitzeln in Alufolie stehen herum. Ich nehme mir eines für den Weg nach Hause. Mal wieder mit schlechtem Gewissen gegenüber dem Tier.

Eintopf #9

Wir besichtigen die alte Wohnung von weg gezogenen Freunden. Sie ist riesig, aber im Erdgeschoss und dementsprechend dunkel. Es gibt eine Menge Einbauschränke, ein Doppel- und ein Kinderbett und eine Dusche im Schlafzimmer. Um ungestört alles betrachten zu können, stelle ich meine Tasche ab. Als ich eine Tür öffne, ist im Raum dahinter ein für ein Badezimmer riesiges Wasserbecken aus hellblauen Fliesen. Eine neue Mitbewohnerin liegt im warmen Wasser und lässt es sich gut gehen. +++ Wir gehen weiter und kommen in ein luxuriöses Einkaufszentrum. Jemand will mit mir in die Papeterie gehen. Dort gibt es wunderschöne Fächer. Ich laufe die Marmorstufen hoch, als mir bewusst wird, dass ich meine Tasche nicht mehr bei mir trage. Ich laufe zurück zur Wohnung unserer Freunde, doch auf dem Weg dahin hält mich ein Teil der Reisegruppe auf. Sie haben die Tasche gefunden und streiten nun unfreundlich darum, wie hoch der Finderlohn sein muss. Ich sage, das wären dann zehn Prozent. Die Finderin sagt: „Gib mir einfach fünf Euro.“ +++ Die Reise geht im Tiefflug weiter. „Ich hasse fliegen“, sage ich. Dabei sitzen wir alle in einem Reisebus. Er hält an und die Reiseleiterinnen steigen aus, weil der Bus sich verfahren hat. „Der Campingplatz ist nur 15 Minuten weit weg“, sagt einer wütend. Wir fahren weiter und mir fällt siedend heiß ein, dass ich weder Zelt, noch Schlafsack dabei habe. Ich erzähle es meinen Mitfahrenden. „Eigentlich habe ich ein wunderbares Zelt, das in den Rucksack passt, aber ich habe es einfach vergessen. Vielleicht gibt es ja einen Shop, wo man ein Zelt und einen Schlafsack kaufen kann.“ Ich denke daran, wie gut es ist, eine EC-Karte zu besitzen und dass es ja auch preiswerte Zelte gibt. Die anderen sind ziemlich perplex und wissen nicht, wie sie helfen sollen. Natürlich hat niemand sonst etwas so Wichtiges vergessen. Jemand sagt zu mir: „Mann, bist du langsam.“ Ich stimme halb verzweifelt zu. Wir kommen an und gehen sofort runter zum Strand, der sehr schmal ist und aus Kieseln besteht. Es gibt keinen Shop. Da kommt mir die rettende die Idee: „Vielleicht kann ich ja mit jemand anderem im Zelt schlafen. Hat jemand ein Zweimannzelt?“ Die anderen sind nicht abgeneigt, aber haben Gesichter, als wäre das ein sehr mutiger Vorschlag.

Wasserspiel

Ein Ozean. Wir liegen am Strand, während die Vögel übergroß nach geworfenen Brötchen schnappen. Das Schiff am Horizont ist aus Pappe. Das weiß ich, weil es langsam fährt und dabei aufweicht. Es löst sich auf und vermischt sich mit dem Salzwasser. Wird das Meer nun Schiff? Wird es Pappe? Ist die Konzentration hoch genug? Ein Meer aus Pappmaché. Nur der Leim fehlt. Wie unschön. Wie folgenreich. Allein der Geschmack ist nicht mehr nur salzig. Er ist pappsalzig. Der Ekel steigt in mir hoch. Stell dir vor, ich gehe baden und komme heraus. Wie ein Luftballon, der nach dem Trocknen zum Sparschwein aufgeschnitten wird. Und alle Fische. Ziehen Pappwasser durch ihre Kiemen. Die Fasern hängen im Sieb fest. Kein Atem mehr. Nur noch Sparfische.

Plagiat

Im Club-Kino. Ein Freund, mein Vater und ich schauen den neuen Quentin-Tarantino-Film. Eine Geisha erscheint im Wasser, steigt über die Wasseroberfläche auf, läuft ein Stück und stolpert. Sie fällt mit dem Gesicht zuerst auf einen Stein. Die Kamera fährt ganz nah heran, um wortwörtlich das Blut aufzufangen. Dann in der Totalen: Man sieht eine Art japanischen Berg Golgatha mit gekreuzigten Fetzen Menschenfleisch. Ich denke, das ist typisch Quentin Tarantino und mache mir Sorgen, ob das meinem Vater, der hinter uns sitzt, gefällt. Der Freund schlingt währenddessen seine Beine um mich. Wir halten probeweise Händchen. Es fühlt sich ganz gut an. Dann bleibt der Film hängen. Erst warten alle Leute noch, ob es weitergeht, doch dann geht das Licht an und sie verlassen den Saal. Auch mein Vater und der Freund stehen auf. Ich versuche sie einander vorzustellen, aber es missglückt, da keine vernünftige Gesprächssituation zustande kommt. Es ist zu laut und meinem Vater hat der Film offensichtlich nicht gefallen. Der Freund tippt ihm noch unwirsch auf die Schulter und weist daraufhin, dass das Regencape nicht dicht ist. Mein Vater verschwindet.

Glaubwürde

Ein Café. Ich will eine heiße Schokolade trinken. Ich gebe dem Verkäufer Münzen. Sie sind mit Schokolade beträufelt. Dies fällt ihm auf und er bezichtigt mich des Diebstahls. „Sie haben sich eine Schokolade geholt, dann sind Sie zurück gekommen und haben die Münzen entwendet.“ Ich beteuere (empört), dass ich nicht stehle und dass ich lediglich gestern schon hier gewesen sei, wovon die Schokolade auf der Münze stammt. Er zweifelt und beginnt, mir zu glauben. Als ich ihm erzähle, dass ich im Chor singe, will er mir sogar ein pelziges, dunkelblaues Handtuch als Entschuldigung schenken. „Das braucht soviel Erfahrung!“ Meine Empörung trägt Früchte, ich bin etwas besänftigt und freue mich über den unerwarteten Respekt, den er plötzlich an den Tag legt.

Like Ice

Wir planen die Geburtstagsfeier eines Freundes. Er ist mir noch unbekannt, also rufe ich ihn an. „Mazel tov!“ Er verhält sich sehr unkooperativ. Also steige ich wieder auf mein Fahrrad und fahre den Schulflur entlang. Es beginnt zu schneien. Ich komme im Supermarkt an und sehe, dass die Tiefkühltruhe leergeräumt wird. Zitroneneis ist des Freundes Lieblingssorte und ich wollte das Eis für die Party besorgen. Ich frage: „Kommt das Eis oder geht es?“ Der Verkäufer anwortet: „Es wird aus dem Sortiment genommen.“ Ich denke bei mir, dass das die gerechte Strafe für das unkooperative Verhalten des Freundes ist…

 

Koppel

Ich schlafe bei den Pferden, unter freiem Himmel. Der Feind wirft lange, brennende Weidenzweige unter dem Zaun durch. „Alles Gute“, ruft eine böse Stimme. Die Tiere geraten in Unruhe, die Erde beginnt zu beben. Ich weiß, ich kann nicht mehr entkommen und rolle mich fester im Schlafsack zusammen. Warte auf Feuer, warte auf Hufe.