Kreißsaal

Wir schwimmen in einem quadratischen, sieben Meter tiefen Pool und warten auf den Kaiserschnitt. Keine Fenster an den Wänden. Wir tragen Krankenhaushemdchen. Ich habe eine deutliche Wehe. Aber ich bin nicht mal sicher, ob ich schwanger bin. Mein Bauch ist so klein. Ich blicke hinab und sehe einen großen Embryo durch meine Bauchdecke schimmern, der eine Art weißen Hahnenkamm trägt. Das ist kein richtiges Baby. Der Arzt kommt und redet sehr abgeklärt mit mir. Ich sei die Nächste. Ich will fliehen. Aber keine Fenster, keine Türen.

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Waldwasser

Ein weiß gefliestes Bad. Ich schicke alle raus, damit ich baden kann. Blick aus der Vogelperspektive: Das Oval der Badewanne, grün von Latschenkieferbadezusatz. Mein erstes Bein steigt hinein, dann das zweite.

Ich lasse mich in das Wasser sinken. In Panik suche ich nach dem Kind im Wasser, doch es ist verschwunden. Da fällt mir ein, dass ich ja alle weggeschickt habe. Ich bin allein.

Das Wasser wird heißer. Ich tauche noch einmal unter, um den Schweiß abzuwaschen. Das grüne Wasser umschließt mich. Zäh. Ich stehe auf, über Gesicht und Körper spannt sich eine grüne Haut und ich falle wieder zurück in die Wanne. Panik.

Ein weiterer Versuch aufzustehen und hindurchzudringen, mit noch mehr Kraft: Die grüne Haut platzt, zuerst am Kopf, dann an den Schultern und Armen. Das Wasser ist wieder Wasser und ich bin befreit.

Fakir

Ich sitze des Abends vor einem Kiosk oder einer kleinen Bar an der Ostsee. Barfuß im Schneidersitz. Auf einem Alustuhl. Als ich nach Hause gehen will, stelle ich die Füße auf den Boden. Kleinste Spiegelfliesen kleben auf dem Beton. Ich finde, es ist ein ganz hübsches Design, frage mich aber, ob das bei all den Barfußgehern in Strandnähe eine so gute Idee ist.

Mit einem großen Zeh berühre ich die Spiegel, sie bewegen sich. Ich stelle fest, dass es sich doch um Scherben handelt, die plötzlich rot und grün leuchten. Ich sage laut: „Das sind Scherben!“ und der Barbesitzer sagt stolz: „Ja, gestern war eine große Party!“ und mir fallen die zerstoßenen, leeren Buntglasfenster auf, die in den Mauern klaffen.

Ich weiß nicht, wie ich nach Hause gehen soll. (Und wie bin ich überhaupt hergekommen?)

gute Tat

Auf einem Sofa. Neben mir sitzt eine Mutter, angespannt, ein etwa eineinhalbjähriges Mädchen auf dem Schoß. Das Mädchen liest laut aus einer Zeitschrift vor. Ich sage zu den anderen leise: „Das Kind LIEST!“

Die Mutter wirkt sehr verzweifelt. Ängste scheinen sie zu verfolgen. Dass sie ihrem Kind nicht gerecht werden kann, ihm nicht die Zukunft bieten kann, die es verdient, dass es als „unnormal“ stigmatisiert sein wird und deshalb ist sie so traurig und hilflos.

Ich zeige ihr meine Hand, meine fünf Finger, um so etwas wie eine Normalverteilung zu illustrieren: “ Wenn das hier 100 Menschen sind, jeder Finger 20, dann ist ihre Tochter“ – ich zeichne eine ganz feine Linie am äußeren Rand meines kleinen Fingers – „dann ist ihre Tochter hier. Sie ist etwas ganz besonderes!“ Ich will noch hinzufügen: „She needs special education…“ Aber ich sage es nicht.

Ich nehme das kleine Mädchen auf den Schoß und sie wird sehr müde und schmiegt sich an mich. Auch die Mutter lehnt sich an meine Schulter und wird ganz ruhig. Ich sage: „Alles wird gut. Alles ist gut.“ Ich war noch nie so überzeugt davon. Ich habe noch nie soviel Ruhe, Liebe und Geborgenheit ausgestrahlt, wie in diesem Moment – und einfach nur gegeben. Wie der Mensch, der ich gern wäre…

Partnersuche

Eine Pressekonferenz. Ein behäbiger Mann mittleren Alters sitzt an einem langen Tisch. Kameras fangen sein Gesicht ein und ein Beamer projiziert es auf eine große Leinwand. Hunderte Frauen sitzen im Publikum und erwarten die Ankündigung, wer die neue, glückliche Partnerin in seinem Leben sein soll. Aber er lässt sich Zeit, verkündet nichts, genießt lediglich die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit. Ich habe eine korpulente, sehr schöne, kurzhaarig-blonde Freundin, die vor dem Gebäude mit anderen Frauen raucht. Sie hat sich große Hoffnungen auf den Sieg gemacht. Mir ist allerdings ziemlich bewusst, dass der Typ ein Schwein ist. Und so gehe ich an den Sicherheitskräften vorbei zu ihr, und sage: „Wenn er dich lieben würde, dann würde dich das hier nicht durchmachen lassen.“ Daraufhin nickt sie nur, ist aber ziemlich beleidigt. Schnappt sich eine andere Freundin und verschwindet zum schneebedeckten Strand, in den lauter Falltüren eingebaut sind. Ich folge ihnen stolpernd und springend, damit ich nicht in die Löcher falle…

Lebensgefahr

Ein vier Meter tiefes Schwimmbecken gefüllt mit gechlortem Wasser. In der Mitte ein Schwebebalken. Ich klettere darauf und denke: ‚Hier kann ich ja jede Übung ausprobieren, ich falle ja doch nur ins Wasser.‘

Ich stehe wackelig auf dem Schwebebalken und schaue nach unten. Plötzlich ist das Becken leer. Auf dem Grund liegen nur kleine silberne Konfettistreifen, die normalerweise auf Bühnen rieseln, wenn jemand einen besonders fetten Preis gewonnen hat. Ich bin gelähmt vor Angst und bewege mich keinen Zentimeter…

 

Streit

Ich streite mit meiner Mutter. „Du verachtest mich, weil ich nicht kann, was du kannst!“ Ich argumentiere unfair. Sie zeigt mir den Vogel. Ich schaue aus den Panoramafenstern. „Schön ist es hier aber, der Blick über die Favela und das Wasser…“ Hütten mit Wellblechdächern erscheinen. Durch das blaugrüne Meer schwimmen schnell verschiedene Menschen auf uns zu. Vor dem Fenster sind Stufen. Sie setzen sich darauf. Ich drehe mich herum, um weiter mit meiner Mutter zu streiten. Plötzlich sind rote Vorhänge vor allen Fenstern. Ich frage meine Mutter, ob sie das war. Sie verneint und setzt sich aufs Fahrrad, um die Übeltäter zu stellen. Ich renne ihr hinterher und rufe: „Komm zurück, die haben Waffen!“ Ich laufe durchs Gebüsch, erreiche die Wiese vorm Gebäude, aber bin offenbar in einem Liebesnest gelandet. Alle küssen sich, Planen sind gespannt, so dass die Leute intim sein können, ohne gesehen zu werden. Ich renne zurück zum Haus. Über Lautsprecher ruft meine Mutter: „Wo bist du?“ Ich antworte: „Ich bin hier. Wo bist du?“ Sie ist wieder beim Haus, aber ich finde den Weg nicht und falle ins Gebüsch…

Begegnung

Ein kürzlich verstorbener Freund auf dem überfüllten Schulflur.

Er trägt ein weißes Hemd und eine goldene Kordel vor der Brust.

Ich bin überrascht, „Solltest du nicht tot sein?“, frage ich.

Er ignoriert mich und läuft an mir vorbei.

Ein Lehrer hält mich zurück und sagt: „Lass ihn. Dort wo er ist, ist es großartig. Sehr beeindruckend. Du solltest auch mal hingehen. Aber nicht jetzt.“

Ich lasse ihn ziehen. Ich lasse los.

 

Ausflug

Ein kleiner See umgeben von einer mediterranen, mittelalterlichen Stadt. Ich stehe am Ufer, es ist eine befestigte Böschung. Im Wasser erkenne ich auf dem Grund die Gesichter eines Zwillingspärchens.  Kinder aller Hautfarben springen sofort ins Wasser und suchen den Grund ab, aber es war nur eine Spiegelung. Niemand findet etwas. Der See ist sehr klar und türkis.  Ein giftgrünes Graffiti erscheint auf der Wasseroberfläche. „D. hat A. getötet.“ Ich stehe in einem Metallkorb, der über den See schwebt. Ich navigiere ihn mit meinem Willen. Weitere Buchstaben erscheinen und schwimmen auf der Wasseroberfläche, diesmal in schwarz, aber ich kann sie nicht lesen. Ich schwebe zurück zum Ufer und verstecke mich mit meinem Korb im Kreuzgang der Kirche, die direkt am Wasser liegt. Alle Kinder tragen rote Tücher und beginnen zu singen. Erwachsene, in weiße Tücher gehüllt, kommen hinzu. Es ist friedlich. Ich habe keine Angst mehr.

Ferien

In einem Ferienlager. Ich gehe unters Dach, um meinen Schlafplatz zu suchen. Ich gehöre offenbar zu den Betreuern, da ich erwachsen bin. Im Raum hängen jede Menge kleiner Hängematten aus Bast und Holz. Aber es gibt auch eine gepolsterte Liege, die ich mir aussuche. Sie sieht lang genug aus, so dass ich auf ihr schlafen kann.
Ich gehe in den Nebenraum, wo die Abbruchkante des Hauses ist. Dort im Staub liegen ein Mann und eine Frau nahe am Abgrund, als wäre es ganz selbstverständlich. Ich rede mit der Frau und realisiere, dass ihr Mann gelähmt ist und sich von dort nicht wegbegeben kann. Ich rutsche immer näher an den Abgrund, ohne dass ich es will und schätze die Höhe ab: Etwa zwölf Meter, der Boden besteht aus Rasen. Ich falle oder lasse mich fallen und lande dumpf auf dem Boden. Mir wird bewusst, dass die Frau sich mich zum Vorbild nehmen könnte, was sie auch tatsächlich tut: Sie springt. Ich rufe: „Nein, man muss doch richtig fallen können!“. Ich weiß, dass sie es nicht kann. Und so landet sie auch tatsächlich auf dem Hintern und schielt danach etwas. Aber sie hat es genauso überlebt wie ich, denn der Boden federt nach.
Ich gehe zu den Tischen. Schüsseln mit panierten, fettigen Schweineschnitzeln in Alufolie stehen herum. Ich nehme mir eines für den Weg nach Hause. Mal wieder mit schlechtem Gewissen gegenüber dem Tier.