Eintopf #6

Ein Kaffeekränzchen. Ich sitze mit mehreren alten Damen am Tisch und wir reden über die gute alte Zeit. Da so langsam die letzten Zeitzeugen des Nationalsozialismus gegangen sind (also jene, die ihn aktiv und passiv mitgestaltet haben), kann man das mit der „guten alten Zeit“ sogar fast durchgehen lassen. Die Damen wurden alle etwa 1940 geboren, die Kriegs- und somit ersten Lebensjahre haben sie überlebt und offenbar waren sie mit ihrem restlichen Leben ganz zufrieden. Wenn man mal den Kalten Krieg und die Nachwendezeit außen vorlässt. Wir essen Buttercremetorte. Eine der Damen futtert wie wild, bis sie buchstäblich nicht mehr kann. Eine Zeit lang hatte sie als Kind Hunger gelitten und jetzt aß sie zu jeder Gelegenheit wie ein Scheunendrescher. Jetzt hält sie sich den Bauch und lässt ein letztes Stück Kuchen auf dem Teller. Da sie nichts verderben lassen will, bittet sie mich, es aufzuessen. Ich tue ihr den Gefallen, obwohl ich selbst schon nicht mehr kann. Ich kaue drauf rum und ekele mich ein bisschen vor der Buttercreme. +++ Ein kleines, alternatives Festival, eine Bühne ist aufgebaut. Der Moderator oder Techniker wirft das Playback an und mir ein Saxophon zu. Ob ich auch mal spielen will. Ich bejahe. Es ist ein sehr kleines Saxophon, etwa halb so groß wie ein Normales. Ich nehme es auf den Schoß, obwohl ich nicht spielen kann. Und tröte hinein. Ich spiele zum Playback und das sehr leidenschaftlich  und gar nicht mal so schlecht. Bis er die Musik ausmacht und ich alleine spiele. Es klingt grauenhaft. Das lässt er mich auch wissen. Aber ich bin trotzdem total glücklich, gespielt zu haben. +++ Ich fahre Straßenbahn. Ich sitze ganz vorne und mit ganz vorne meine ich nicht die ersten Sitze hinter dem Fahrer, sondern ganz, ganz vorne, vor dem Fahrer an der Front der Straßenbahn. Die Straßenbahn schiebt mich quasi die Schienen entlang. Zwei andere Straßenbahnen tauchen auf. Sie sind beide entgleist und überkreuzt. Wir fahren direkt in die Unfallstelle. Ich denke bei mir, dass ich gleich zerdrückt werde und frage mich, was ich dann tun soll, sofern ich noch etwas tun kann. Meine Straßenbahn schiebt sich unter die anderen. Ich bin eingeklemmt. Geradeso, dass ich keine Schmerzen leide, aber auch so dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Ich rufe „Hilfe“, in der Hoffnung, dass mich jemand hört und habe Beklemmungen und Panik.

Zwischenfazit Nr. 1

Seit einem knappen Monat veröffentliche ich ausgewählte Träume auf diesem Blog. Ich schlafe angestrengter und wache mit dem Gedanken im Kopf auf: „Wie kann ich das  verwenden? Wie – Fluch – kann ich das niederschreiben, ohne dass es zu krass/zu persönlich/zu angreifbar ist?“ Denn mit einem solchen persönlichen Blog gibt man sich natürlich jede Blöße. Tiefste Gedanken, Ängste und Gefühle werden hervorgekramt und auch noch veröffentlicht.

Ich wünschte mir, es gäbe mehr Traumblogs. Ich bin schon so fasziniert von Euren Gedanken und Bildern und was Ihr alles postet (von euren Wachträumen sozusagen). Aber Nacht-Träume haben für mich nochmal eine andere Qualität, da sie ganz besondere Dinge über das Gehirn verraten, die man im Wachleben doch nicht erfahren oder ausdrücken kann.

In solchen Momenten wünschte ich, ich hätte Psychologie studiert, würde im Schlaflabor arbeiten und könnte den ganzen Tag Leute zu ihren Träumen befragen. Aber ich habe mich für einen anderen Studiengang entschieden, der sich mit der äußeren Welt und weniger mit der Inneren beschäftigt. Deshalb muss ich mit meinen eigenen Geschichten Vorlieb nehmen. Aber die sind ja auch ganz hübsch anzuschauen.

Heute schreibe ich dieses Zwischenfazit statt meines nächtlichen Kurzfilms, weil ich von meiner Cousine in einer peinlichen Situation geträumt habe.  Diese hat zwar nichts mit der Realität zu tun hat, aber trotzdem schließe ich einige Träume oder Aspekte von Träumen auf diesem Blog aus, auch um die imaginäre Privatsphäre zu schützen.

Vielen Dank möchte ich auf diesem Wege sagen! Für die vielen Klicks, Kommentare und Likes. Sie bestärken mich, weiter zu schreiben und meine Nächte semipermeabel werden zu lassen. Ich hoffe, morgen träume ich wieder etwas Passenderes, was ich mit euch teilen kann. Habt einen schönen Tag und lasst es euch gut gehen!

Eintopf #5

Aus allen Wolken. Ich schlafe. Vielleicht in einer Art unterirdischem Kanal. Die Matratze schwimmt auf dem Wasser. Ich versuche, sie trocken zu halten. Rutsche hin und her, damit das Wasser nicht auf die Matratze gelangt. Aber natürlich passiert es doch. Du bist plötzlich da. Wir zelten nur und es hat reingeregnet. Du bist furchtbar sauer und schimpfst über den Schimmel im Zelt. Ich versuche, gute Miene zu machen und dich zu trösten; bleibe ganz ruhig, damit du dich nicht noch mehr aufregen musst. Die Matratzen stelle ich auf, damit sie trocknen können. Es hat aufgehört zu regnen und wir verlassen das Zelt. Die Sonne scheint. Weiter weg schimpft jemand (vermutlich auch über den Schimmel) in einer fremden Sprache. Dann ist eine Ohrfeige zu hören. Ich sage: „Das war dann wohl etwas Unflätiges mit der gerechten Strafe.“ Du musst fast lachen und ich liebe dich fast wieder ein bisschen. +++ „Turteltauben“, sagt das Pflegepersonal. Ich schiebe dich im Rollstuhl durch eine große Flügeltür des Altenheims. Ich sage: Ich weiß die 30 Sachen, die dir am wichtigsten sind und ich werde sie Ihnen unter Einsatz meines Lebens verklickern. +++ Ich schreibe. Offenbar für die „taz“. Auf der Homepage findet man einen Artikel von mir. Er ist mit einem Foto versehen, auf dem mein Kopf mit einem Pullover umwickelt ist, damit man mich nicht erkennt. Ich denke bei mir, dass das jetzt professioneller werden muss und dass ich mein Gesicht nicht mehr verstecken kann. Das schöne Bewerbungsfoto von vor drei Jahren muss aber genügen.

Wissen ist…

Kampf. Der gute Mann wäscht sich das Blut von den Beinen. Wir haben die historischen Bisons gesehen. Wir sind Steinzeitmenschen. „Warum hast du sie zurück gelassen? Ich dachte, ihr seid Freunde.“ „Mit gutem Grund.“ Er hat seine Frau einem mächtigen Mann übergeben, damit sie ihn milde stimmte.

Sie entkommt diesem jedoch, ohne mit ihm schlafen zu müssen. Sie ist mehr als erleichtert. Doch verfolgt er sie in ihre Höhle. Als er hereinkommt, ist er halbnackt und sie findet sich damit ab, dass es geschehen muss. Wenn sie alle in Sicherheit leben wollen. Er lächelt. Sie lächelt matt zurück. Ihr ist übel. Er fängt an, feucht ihr Gesicht zu küssen und nimmt ihren goldenen herzförmigen Anhänger zwischen die Finger. „Da sind Schwarze Löcher drin.“, murmelt er. „Woher weißt du das? Es gibt doch noch keine Smartphones.“, fragt sie.

„Ich weiß es, weil mein Herz es mir sagt.“ stellt er fest.

‚Du hast nicht viel davon.‘ denkt sie und gibt sich gezwungenermaßen hin.

 

fließend

An der Uni. Der Vorlesungssaal ist noch besetzt. Wir hören durch die Tür einen Vortrag in fließendem Russisch. Da ich kaum ein Wort Russisch spreche, verstehe ich natürlich nichts. Wir setzen uns vor dem Saal auf den Boden. Einer holt ein kleines Fläschchen Alkohol heraus. Rosa, wie in einem Parfümflakon. Ich rieche nur dran und habe Alkohol im Mund. Ich sage, das Zeug ist zum Sprühen, nicht zum Trinken. Und tatsächlich, in der Flasche ist ein kleiner Sprühmechanismus zu finden. Ich komme mir sehr klug vor. Wenigstens einmal im Leben.

Dualität einer Scheidung

Ihr Betafrauen. Kriegt alles was ihr wollt. Sogar die Glitzerzahnpasta wird euch von den Männern hinterhergetragen. Ihr schwebt durchs Wasser, rothaarig und in High Heels, verteilt Tintenschmetterlinge aus euren Fingerspitzen mit mascaraverlaufenen Augen. Man könnte glauben, ihr hättet geweint. Ihr seid so schön in eurer falschen Trauer. Dabei müsst ihr, wenn ihr ihm Bus sitzt, euch mit langen Messern gegen den bösen Mann verteidigen. Er schleicht an euch vorbei, den eigenen Dolch gezückt und ihr müsst ihm bloß eure eigene Klinge zeigen und er verkrümelt sich wortlos. Atemlos vor Ruhe sitzt ihr da und fühlt euch sicher. Aber mittlerweile hätten alle gern ein Messer in der Tasche, nicht wahr? Nur für alle Fälle. Das würde den Alltag ziemlich kriminalisieren und eure Messer wären niemals lang genug.

Und obwohl ihr euer Leben mit Zähnen und Klauen verteidigt, wollt ihr doch immer wieder irgendwo runterspringen und müsst von euren Freunden zurückgehalten werden (von mir zum Beispiel). Das ist nicht nachvollziehbar. Denn tot wird das Leben ziemlich scheiße, schreie ich euch wütend in die Gesichter, um euch wieder einmal zu retten. Ihr habt doch ohne Mann fast alles, was ihr braucht. Zumindest temporär. Bis alles wirklich zur Neige geht.

Ihr könnt euch also abseilen in das Innere des Schiffs und mit den Untoten sprechen, aber von dort holt euch niemand zurück, außer ihr selbst. Das passt gut zu euch. Vielleicht solltet ihr dort bleiben. Denn Schiffe bringen LUXUS oder UNTERGANG….

Eintopf #4

Die Löwen greifen an. Ich kann sie abwehren oder zumindest aussperren. Ich bin auf mich gestellt, die anderen haben keine Angst. Wie ist das möglich? +++ Im Wald. Frau Müller muss mal. Sie ist Schottin. +++ Ich trinke Latschenkieferschaumbad gegen die Halsschmerzen. Mama ist Schuld. Sie hat die Fläschchen verwechselt. +++ Irgendein Vollidiot injiziert eine Dosis von irgendetwas in den Hinterkopf einer Mitschülerin, direkt hinters Ohr. Man kann die Nadel in der Haut feststecken sehen und es blutet ein bisschen. Dann sitzt sie im Rollstuhl und hat Schmerzen. Sie weint. Alle tun so (insbesondere der Pfleger), als wären die Schmerzen normal. Ich halte ihre Hand und könnte aus der Haut fahren, aber den Täter kann ich nicht ausfindig machen. +++ Ich bin mit meiner alten Liebe im Ausland. Wir beziehen ein Zimmer in einer Bucht. Der Tsunami kommt und durchspült das Zimmer. Ganz unaufgeregt, bis uns das Wasser bis zum Hals steht. Wir retten uns geradeso, indem wir uns an der Zimmerdecke festklammern. Ich muss an meinen Rucksack denken. Nach einer Weile fließt das Wasser wieder ab. Alles ist zerstört. Die Rezeptionistin kommt dazu. Wir wollen ein anderes Zimmer. Eines, das höher liegt. Sie versteht gar nicht, warum.

Crappy End

Klassentreffen. Ein Schul“kamerad“ will mich rumkriegen, indem er sehr intelligente Sachen sagt, die sehr auswendig gelernt klingen. Ich weiß, früher war er ein Neonazi. Ich lasse ihn ablitzen und sage: „Es würde besser zu dir passen, wenn du dummes Zeug erzählen würdest. Authentizität kommt bei Frauen besser an.“ Und tatsächlich. Er setzt sich neben Ariane und erzählt nur Bullshit. Daraufhin küssen sie sich und fahren mit einer Kutsche gemeinsam in den Sonnenuntergang…

Eintopf #3 (ohne Salz in der Suppe)

Ich liege auf einem Bett, schaue aus dem Fenster. Es erweitert sich zu „Großformat“ und gibt den Blick frei auf einen breiten azurblauen Gletscherfluss irgendwo in einer Alpenstadt. Auf der linken Seite ist eine alte Stadtmauer zu sehen. Ich gehe hinaus, um das Blau zu bewundern und falle dabei ins Wasser. Es ärgert mich. Ich schwimme zum Ufer, eine Treppe führt nach oben. Ich fasse im Uferbereich in etwas Weiches und ekle mich. Ich gehe wieder in die Jugendherberge. Ein nackter, schöner Mann liegt unten in einem der Doppelstockbetten. Wir ignorieren seine Nacktheit und meine, denn ich, vor Wasser triefend, ziehe mich um. +++ Wir sind mit dem Auto unterwegs. Eine Baustelle. Der Fahrer umfährt millimetergenau einen LKW und ein anderes Auto, die auf der Straße stehen. Wir kommen an einen Bahnübergang. Plötzlich kommt eine Flutwelle braunen Wassers, etwa knietief. Das Auto bleibt stecken. Wir steigen aus, angsterfüllt, es möge noch mehr Wasser kommen. Aber dann läuft es schnell wieder ab und wir können weiterfahren. Ein kleiner Tsunami. +++ Wir sind auf dem Weg zum Einkaufszentrum. Vor einem Discounter halten wir an und steigen aus. Wir fahren mit der Rolltreppe in den Keller. Und da sind endlich die Gesuchten. Zwei Menschen, einer mit einer körperlichen Behinderung, die ihn schlecht laufen lässt und ein Mensch mit der Diagnose Autismus (Daniel). Sie liegen sich in den Armen und beteuern sich gegenseitig ihre Liebe. Ich freue mich sehr, dass Daniel Körperkontakt sucht, denn das ist im Allgemeinen das Schlimmste, was man ihm antun kann. Deshalb tut ihm das auch niemand an. Nur seine große Liebe, mit der er offensichtlich abgehauen ist, darf. Wir sammeln  beide ein und fahren weiter.